IFS in der Paartherapie
Beziehungsdynamiken besser verstehen
Das Internal Family Systems-Modell (IFS) wurde von Dr. Richard Schwartz entwickelt und geht davon aus, dass jeder Mensch aus verschiedenen „inneren Teilen“ besteht, die unterschiedliche Bedürfnisse, Emotionen und Verhaltensweisen verkörpern. Diese Teile entwickeln sich oft als Reaktion auf frühere Erfahrungen, insbesondere traumatische oder belastende Erlebnisse. In einer Paarbeziehung kommen diese inneren Teile der beiden Partner in Kontakt, was häufig zu Konflikten und Missverständnissen führt.
Das IFS-Modell hilft uns, diese inneren Teile zu erkennen und zu verstehen. Jeder Teil hat eine Funktion – manche Teile sind Beschützer, die uns vor Schmerz bewahren wollen, andere sind verletzte Anteile aus der Kindheit, die immer wieder alte Wunden aufreißen. Indem Paare lernen, ihre eigenen inneren Anteile zu erkennen und mit ihnen in einen Dialog zu treten, können sie ihre Beziehungsdynamiken besser verstehen und verändern.
In meiner Arbeit als Paartherapeutin mit IFS habe ich erlebt, dass Paare häufig auf ihre aktivierten Schützerteile reagieren, was zu Eskalationen und Missverständnissen führt. Ein klassisches Beispiel ist, wenn ein Partner sich verteidigt, weil er sich von seinem Partner kritisiert fühlt. Oft ist es jedoch nicht der erwachsene Partner, der sich verteidigt, sondern ein innerer Teil, der sich verletzt fühlt und automatisch in den Schutzmodus schaltet.
Traumasensible Paartherapie (TSPT)
Emotionale Heilung und Trauma-Verarbeitung
Traumasensible Paartherapie (TSPT) ist ein therapeutischer Ansatz, der besonders darauf ausgerichtet ist, die Auswirkungen von traumatischen Erlebnissen in der Beziehung zu erkennen und zu behandeln. Bei traumatisierten Partnern – und das gilt nicht nur für individuelle Traumata, sondern auch für kollektive oder Beziehungstraumata – können bestimmte Verhaltensmuster aktiviert werden, die die Partnerschaft destabilisieren. Die Arbeit in der TSPT geht davon aus, dass viele Konflikte in der Beziehung durch unverarbeitete Traumata ausgelöst oder verstärkt werden. Bindungseinschränkungen als Folgestörungen von oft verdrängten und unverarbeiteten Traumata sind ein weit verbreitetes Phänomen.
In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, dass Paare, die mit traumatischen Erfahrungen konfrontiert waren – sei es durch Kindheitserlebnisse, frühere Beziehungen oder durch Gewalt – bestimmte Verhaltensweisen wie Überreaktionen, Rückzug oder die ständige Angst vor Ablehnung zeigen. Diese Verhaltensweisen sind oft das Resultat von unbewussten Mechanismen des Schutzes, die aus traumatischen Erfahrungen resultieren. Hier setzt die TSPT an, indem sie den Fokus auf die Heilung der emotionalen Wunden und die sichere Verarbeitung von Traumata legt, um so den Teufelskreis von Verletzung und Rückzug in der Partnerschaft zu durchbrechen.
Die Synergie zwischen IFS und TSPT
Zwei Ansätze, die Paartherapie bereichern
In meiner Arbeit habe ich die Wirkung der Synergie zwischen IFS und TSPT immer wieder festgestellt. Beide Methoden ergänzen sich hervorragend, wenn es darum geht, tief verwurzelte, emotionale Verletzungen innerhalb einer Beziehung zu heilen und die Paare dabei zu unterstützen, neue Wege der Kommunikation und des Verstehens zu finden.
Ein zentrales Element der Arbeit mit IFS in der Paartherapie ist das Bewusstsein für die verschiedenen inneren Anteile der Partner. Wenn ein Paar lernt, die inneren Teile des jeweils anderen zu erkennen und zu benennen, entstehen oft mehr Empathie und Verständnis. Dies ist besonders wichtig, wenn unbewusste traumatische Erlebnisse die Beziehung belasten. Ein Partner, der etwa in seiner Kindheit häufig abgelehnt oder zurückgewiesen wurde, könnte in Konfliktsituationen schneller in die „Kindheitsperspektive“ zurückfallen und sich erneut abgelehnt fühlen – auch wenn der aktuelle Konflikt keine Ablehnung beinhaltet. Hier hilft es, mit IFS zu arbeiten, um diese inneren Anteile zu benennen und dem Partner zu ermöglichen, ihre Reaktionen besser zu verstehen.
Ein konkretes Beispiel aus meiner Praxis verdeutlicht diesen Prozess: Ein Paar kam zu mir, weil sie immer wieder in Konflikten festhingen, bei denen der Mann sich zurückzog und die Frau in eine Haltung der „Schuldzuweisung“ verfiel. Bei der Arbeit mit IFS stellte sich heraus, dass der Mann einen inneren Anteil hatte, der tief verletzt und von früheren Beziehungstraumata geprägt war. Dieser Anteil zog sich zurück, um sich vor weiterer Verletzung zu schützen. Die Frau hingegen trug einen „inneren Anteil“ der Wut und Frustration, der sich in Kritik äußerte. Durch die traumasensible Arbeit lernten beide, dass diese Verhaltensmuster nicht nur aus der aktuellen Beziehung herrührten, sondern auch tiefere, nicht verarbeitete Traumata berührten. Die Einsicht, dass ihre Reaktionen oft von alten, unverarbeiteten Wunden gesteuert wurden, öffnete den Raum für eine einfühlsamere Kommunikation.
Praktische Anwendung
Die Schritte der Arbeit mit IFS und TSPT
In der praktischen Arbeit mit Paaren beginne ich in der Regel mit einer eingehenden Geschichte der Beziehung, der Analyse der jeweiligen Paardynamik, und dem Bindungsstil. Um im nächsten Schritt eine genaue Betrachtung der inneren Teile beider Partner zu ermöglichen. Ich arbeite mit den Partnern um ihre „inneren Anteile“ zu identifizieren – insbesondere die Teile, die im Konfliktprozess aktiviert werden. Dies kann ein innerer Kritiker sein, ein verletztes Kind, ein Schutzteil oder ein überforderter Erwachsener.
Sobald diese Teile benannt sind, arbeiten wir daran, dass der Partner seine Teile nicht nur in sich selbst erkennt, sondern auch im anderen Partner wahrnimmt. In meiner Erfahrung ist es der erste Schritt, der oft schon eine enorme Erleichterung verschafft. Indem Paare lernen, die inneren Reaktionen, zuerst in sich selbst und dann im Partner zu verstehen, entsteht ein neues Verständnis für die Dynamiken der Beziehung.
Die traumasensible Komponente kommt ins Spiel, wenn wir die Geschichte der Verletzungen und die traumatischen Erlebnisse in den Fokus nehmen. Hierbei ist es wichtig, eine sichere Atmosphäre zu schaffen, in der sich beide Partner öffnen können. Wir erkunden zusammen die tieferen Wunden, die oft von der Vergangenheit in die Gegenwart getragen werden. Durch die Anwendung der TSPT-Methode können verdrängte Erinnerungen, Gefühle und Körpererinnerungen im emotional sicheren Rahmen erforscht werden und die daraus resultierenden Erkenntnisse führen sowohl zu einer Haltungsänderung, als auch zu einer tiefgreifenden Veränderung der Paardynamik
Ein zentrales Element in der Arbeit mit TSPT ist, dass wir traumatische Erinnerungen nicht direkt konfrontieren müssen, sondern vielmehr die Verhaltensmuster und Reaktionen, die aus diesen Erfahrungen hervorgehen. Die Arbeit geht nicht nur darum, das Trauma zu verstehen, sondern auch darum, die Paardynamik, der durch diese traumatischen Anteile geprägt ist, zu verändern.
Ergebnisse und Erkenntnisse
Tiefere Einblicke für mehr Verständnis und Heilung von Beziehungsverletzungen
Durch die Kombination von IFS und TSPT konnte ich beobachten, dass Paare in der Lage sind, tiefere Einblicke in ihre eigenen inneren Prozesse zu gewinnen und diese mit mehr Empathie und Verständnis in die Beziehung zu integrieren. Besonders hilfreich ist, dass beide Ansätze den Fokus auf Selbstmitgefühl legen: Paare lernen, ihre eigenen inneren Anteile nicht nur zu erkennen, sondern auch liebevoller und selbstfreundlicher mit ihnen umzugehen. Dadurch können sie alte, automatisierte Reaktionen auf ihren Partner vermeiden und auf neue, heilsame Verhaltensweisen umschwenken.
Ein weiteres Ergebnis, das ich immer wieder bei meinen Klienten beobachte, ist die Heilung von Beziehungsverletzungen. Paare, die an einem Punkt waren, an dem sie nicht mehr miteinander kommunizieren konnten oder sich voneinander entfremdet fühlten, entdecken durch die Arbeit mit IFS und TSPT oft eine tiefere Verbindung. Sie beginnen, nicht nur ihre Beziehung zum anderen zu heilen, sondern auch ihre eigene Beziehung zu sich selbst.
Fazit
Die Kombination von IFS und TSPT hat sich in meiner Arbeit als Paartherapeutin als äußerst wirkungsvoll erwiesen. Sie ermöglicht es den Partnern, sich selbst und ihren Partner auf einer tieferen, oft unbewussten Ebene zu verstehen. Beide Methoden eröffnen einen Raum für Heilung, der sowohl die individuellen Wunden als auch die gemeinsamen Beziehungsverletzungen berücksichtigt. Die integrative Herangehensweise bietet eine wertvolle Unterstützung für Paare, die ihre Beziehung auf eine neue, gesunde Ebene heben möchten.